Tagebucheintrag Rosa

 Liebes Tagebuch,

Ich und noch ein paar andere aus meiner Klasse arbeiten schon seit längerer Zeit an einem ganz speziellen "Projekt", wir sammeln bedeutende Gegenstände und tragen diese zusammen. Alles begann mit Pierre Anthon, diesem Idioten! Sitzt seit fast vier Monaten auf dem Pflaumenbaum an unserem Schulweg und schreit uns immer wenn wir dort vorbei kommen irgendwelche Lebensweisheiten hinterher. Mich berührt es nicht weiter was er da so von sich gibt, ich weiß was für mich wichtig ist und auch wenn das nach außen hin vielleicht nicht so wirkt, das kann mir niemand nehmen! Doch nach und nach brachten seine Reden über das Leben als einziges, großes Nichts sogar mich ins Grübeln. Die Wut der anderen hatte sich längst kanalisiert, sie hatten den kleinen Schwätzer viel zu ernst genommen, haben sich von ihm entmutigen lassen! Daraufhin nahmen sie sich vor etwas zu unternehmen, sie wollten Pierre Anthon stoppen.

Ich schlug vor, um die ganze Sache etwas zu verharmlosen, einfach zu warten bis er von selbst herunterkam. Leider fiel den anderen ziemlich bald auf, dass das nie der Fall sein würde. Also gingen die Grübeleien weiter, letztendlich setzten wir zwei Pläne in die Tat um. Vorerst versuchten wir Pierre Anthon vom Baum zu bekommen, indem wir ihn mit Steinen bewarfen, das klappte sogar kurzfristig, doch es dauerte nicht lange und schon saß er wieder auf seinem Ast, mit ein paar Schrammen muss man anmerken, doch er war zurück.

Also beschlossen wir bedeutende Gegenstände zu sammeln, um ihm zu beweisen, dass es bedeutsame Dinge im Leben sehr wohl gibt. Um unseren Plan in die Realität umzusetzen ließen wir uns in dem stillgelegten Sägewerk am Ende des Feldes neben Sofies Haus nieder.

Und dann ging alles los... ganz harmlos...

Harmlos. Harmloser. Täuschend harmlos.

Wir eröffneten einen Berg aus Bedeutung, nachdem wir von Haus zu Haus gegangen waren um bedeutsame Dinge zu ergattern und wir waren erfolgreich, doch den anderen wurde schnell klar, was ich ohnehin schon bemerkt hatte, jedoch für mich behielt - die Dinge, welche wir zusammengetragen hatten, waren sicher in irgendeiner Weise bedeutend, doch wenn wir Pierre Anthon die Bedeutung des Lebens beweisen wollten, dann waren es auch wir, die dem Berg die Bedeutung verleihen mussten.

Dennis leitete die optimierte Version des Bedeutungssammelns ein, indem er seine Dungeons&Dragons-Bücherreihe spendete. Und es ging weiter und weiter. Jeder, der etwas abgeliefert hatte durfte eine neue Person und eine bedeutsame Sache dieser aussuchen. Und an diesem Punkt, wird mir jetzt klar, hätte ich aussteigen sollen...

Ich weiß nicht ob die anderen tatsächlich so blöd waren, dass sie nicht bemerkten was die von Dennis´ Spende an mitspielende Rache an dem so harmlos erscheinenden Bedeutungssammeln änderte, doch mir war spätestens nach der Opferung von Gerdas Hamster, die Agnes wegen ihrer ohnehin hässlichen, grünen Sandalen gefordert hatte, klar wie sich alles steigerte.

Doof. Doofer. Agnes

Mit der Abgabe des Hamsters an den Berg war für mich eine ganz klare Grenze überschritten. Gegenstand ist Gegenstand! Lebewesen ist Lebewesen!

Das Übertreten dieser Grenze beförderte das Sammeln auf eine Ebene, welche dem Wahnsinn glich.

Abnormale Verrücktheit. Wahnsinn. Bedeutungssammeln.

Auf die Ablieferung von Gerdas Hamster folgten weitere schaurige Aktionen. Unter anderem das Ausgraben des Sarges, welcher Elises kleinen, toten Bruder beinhaltete oder Sofies Entjungferung durch den großen Hans. Und heute war dann ich an der Reihe, gerade der fromme Kai verlangte aufgrund des Urinierens, von Aschenputtel, dem Hund des alten Soerensen, auf Jesus am Kreuz aus der Kirche, den Kopf der Hündin, gerade er...

Und wer könnte sich besser für solch eine Tat eignen als die hübsche, ach so zerbrechliche Rosa? Keiner meiner "Freunde", falls ich diese Leute jetzt noch so nennen kann, kannte mich wirklich, daher wusste auch niemand, dass ich ganz und gar nicht zerbrechlich war, doch mit einer Sache hatten allesamt Recht - meine Angst vor Blut... Die Tatsache, dass ich die Hündin umbringen musste hatte für mich keine weitere Bedeutung, doch der Gedanke an das Blut... Es gab für mich auf dem ganzen Planeten absolut nichts Schlimmeres als den klebrigen, dunkelroten Körpersaft. Und als ich hörte was mir bevorstand, begann ich von mir selbst überrascht einfach zu weinen. Und dieses Weinen war echt, nicht wie der Rest meiner Schein wahrenden Persönlichkeit, so echt, dass ich Glück hatte, dass es so perfekt in mein gespieltes Muster passte, denn vermeiden können hätte ich es nicht...

Echt. Echter. Original

Und jetzt ist es geschehen. Ich habe getötet! Ich habe immer noch die Reste des Blutes eines Lebewesens unter meinen Fingernägeln und so wie ich jetzt hier sitze und dies niederschreibe ist mir klar was das bedeutet, Aschenputtel wird nie wieder Luft holen, einzig und allein wegen mir! Ich habe getötet! Und im Vergleich zu dieser Tatsache, ist das Blut ein genauso großes Nichts, wie das Leben ein Nichts für Pierre Anthon ist.

Tat. Opfer. Mord.

Während mich diese Gedanken heute Mittag heimsuchten war Jan-Johan der Meinung, er müsse sich darüber lustig machen wie gut sich doch die hübsche Rosa als Schlachterin eignet. Dazu kann ich nur sagen, das hätte er nicht tun sollen...

Ich forderte seinen Finger, ohne auch nur ein einziges Mal mit der Wimper zu zucken und mir wurde bewusst was dieser Mord mit mir gemacht hatte...

Ja, ich hätte viel früher aussteigen sollen, ich war mir der Tatsachen klarstens bewusst, doch ich bin noch immer dabei und stecke Mittler Weile tief in diesem zugespitzten Gespinst des Bedeutungssammelns drin, viel zu tief drin...

Die hübsche, ach so zierliche Rosa

 

 

 

 

 

26.6.13 18:39

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